Eine wohlwollende Bezeichnung

Aktuell lese ich das Buch “Schnelles Denken, langsames Denken” von Daniel Kahneman, bzw. die deutsche Übersetzung seines Buches. Ein Abschnitt hat in mir starkes Schreibbedürfnis ausgelöst: “Den Status quo verteidigen”. Dabei geht es um die Tendenz, dass Reformen oft zugunsten der Verlierer abgeschwächt werden. Denn die Politik der aktuellen Bundesregierung ist so dumm, man muss einmal etwas dazu sagen:

Kahneman erklärt das Scheitern von Reformen mit der Bereitschaft der Verlierer, härter zu Kämpfen, als die Gewinner (Kahneman 2012). Meine These: das ergibt Sinn, aber reicht nicht, um schlechte bzw. gescheiterte Reformen zu erklären, denn es fehlt ein Faktor. Ich möchte anhand der gegenwärtigen Hitzewelle und der gescheiterten Reform »Pariser Klimaabkommen« der Frage nachgehen, welcher Faktor fehlen könnte.

Zwei Dinge sind Unumstritten: Erstens, die Hitzewelle ist ein Produkt der Globalen Erderwärmung (Kim et al. 2024) und wir werden mehr solche Extremwetterereignisse erleben (IPCC 2023). Zweitens, das Pariser Klimaabkommen ist faktisch gescheitert, da die globale Erderwärmung über 12 Monate gemittelt etwa 1,6°C über dem Referenzzeitraum liegt (Hansen et al. 2025) und auch bei einer Betrachtung eines Jahrzehnts 1,5°C sprengt (Cannon 2025). Die Ursachen für diese Katastrophe sind zweifelsohne global, doch um Faktoren für das Scheitern der Reform nachzuvollziehen, ist ein Blick auf Deutschland erhellend: Hier herrscht seit langem ein Problembewusstsein für den Klimawandel und seine Folgen (Eickemeier und Kixmüller 2026), auch konkrete Reformvorschläge zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens existierten (Kobiela et al. 2020). Die Verlierer in diesen Reformvorschlägen sind Unternehmen, welche auf Fossile Brennstoffe setzen. Diese Unternehmen Kämpfen auch dementsprechend um das Bestehen von fossilen Verbrennern (Hensolt und Holzreiter 2025). Im Fokus der Begründung gegen Klimaschutz steht jedoch selten direkt der Bestandsschutz vom Verbrenner1, sondern viel eher der Schaden für die Wirtschaft (Ginzel und Lenzen 2025; Halasz 2026; Hensolt und Holzreiter 2025; Wirtschaftswoche/dpa 2025; ZDFheute/AFP, Reuters, epd 2026).

Das ist unbegreiflich, da ausbleibender Klimaschutz ein signifikanter Faktor für Schäden der Wirtschaft ist (Krichene et al. 2026), und konsequenter Klimaschutz für alle wirtschaftenden Akteure – selbst für Kommunen – ein wichtiger Teil der Wertschöpfungskette darstellt (Sixtus et al. 2026; Kemfert 2025).

Ich pflichte Kahnemans Analyse zu Gründen für gescheiterten Formen bei, würde aber trotzdem neben den – mit Kahneman gesprochen – erfolgreichen Revierkämpfen der Fossilindustrie, einen weiteren Faktor für gescheiterte Klima-Reformen in Deutschland vorschlagen, welcher in Anbetracht der erdrückenden wissenschaftlichen Beweislage (äußerst wohlwollend) als »völlige Vernuftbefreitheit«2 bezeichnet werden könnte.

Quellen

Cannon, Alex J. 2025. „Twelve Months at 1.5 °C Signals Earlier than Expected Breach of Paris Agreement Threshold.“ Nature Climate Change 15 (3) (März): 266–269. doi:10.1038/s41558-025-02247-8.

Eickemeier, Patrick, und Jan Kixmüller. 2026. „Klimaforscher Rahmstorf im Interview: ‚Unsere ganz frühen Prognosen treten ziemlich genau ein.‘“ Der Tagesspiegel Online, Juni 27. https://www.tagesspiegel.de/wissen/klimaforscher-rahmstorf-im-interview-unsere-ganz-fruhen-prognosen-treten-ziemlich-genau-ein-15761076.html.

Franke, Fabian. 2025. „Verbrenner-Aus: Jetzt rätselt jeder, was ‚hocheffiziente Verbrenner‘ sein sollen.“ Die Zeit, Dezember 2. https://www.zeit.de/mobilitaet/2025-12/verbrenner-aus-eu-kommission-friedrich-merz-autos-klimapolitik.

Ginzel, Leon, und Timo Lenzen. 2025. „Klimaschutz und Wirtschaft: Stimmt es eigentlich, dass zu viel Klimaschutz der Wirtschaft schadet?“ Die Zeit, Dezember 18. https://www.zeit.de/wirtschaft/2025-11/klimaschutz-wirtschaft-einfluss-klimapolitik-debatte.

Halasz, Gabor. 2026. „Petersberger Dialog: Klimaschutz ja, aber nicht gegen die Wirtschaft.“ tagesschau.de. Zugegriffen Juni 29. https://www.tagesschau.de/inland/petersberger-klimadialog-rede-merz-100.html.

Hansen, James E., Pushker Kharecha, Makiko Sato, George Tselioudis, Joseph Kelly, Susanne E. Bauer, Reto Ruedy, et al. 2025. „Global Warming Has Accelerated: Are the United Nations and the Public Well-Informed?“ Environment: Science and Policy for Sustainable Development 67 (1) (Januar 2): 6–44. doi:10.1080/00139157.2025.2434494.

Hensolt, Angelika, und Margareta Holzreiter. 2025. „Abgeschwächtes Verbrennerverbot: Rettet das Jobs und Wettbewerb?“ tagesschau.de. SWR. Dezember 17. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/verbrenneraus-folgen-100.html.

IPCC. 2023. „Climate Change 2023 Synthesis Report.“ In Climate Change 2023: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Core Writing Team, H. Lee and J. Romero (eds.)], 35–115. Genf, Schweiz: IPCC. doi:10.59327%2FIPCC%2FAR6-9789291691647. https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/.

Kahneman, Daniel. 2012. Schnelles Denken, langsames Denken: der Weltbestseller, der das Denken von Millionen Menschen verändert hat. Übersetzt von Thorsten Schmidt. 7. Auflage. München: Pantheon.

Kemfert, Claudia. 2025. „Zwei Jahrzehnte Klimakostenforschung: Präventiver Klimaschutz als volkswirtschaftlicher Vorteil“ (Version 2.0). DIW – Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung. doi:10.18723/DIW_WB:2025-38-3. http://www.diw.de/de/diw_01.c.974540.de/publikationen/wochenberichte/2025_38_3/zwei_jahrzehnte_klimakostenforschung__praeventiver_klimaschutz_als_volkswirtschaftlicher_vorteil.html.

Kim, Jeong-Hun, So-Hyun Nam, Maeng-Ki Kim, Roberto Serrano-Notivoli, und Ernesto Tejedor. 2024. „The 2022 record-high heat waves over southwestern Europe and their underlying mechanism.“ Weather and Climate Extremes 46 (Dezember 1): 100729. doi:10.1016/j.wace.2024.100729.

Kobiela, Georg, Sascha Samadi, Jenny Kurwan, Annika Tönjes, Manfred Fischedick, Thorsten Koska, Stefan Lechtenböhmer, Steven März, und Dietmar Schüwer. 2020. „CO2-neutral bis 2035 : Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze ; Diskussionsbeitrag für Fridays for Future Deutschland.“ Wuppertal: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. doi:10.48506/opus-7606.

Krichene, Hazem, Bjoern Griesbach, Jasmin Gröschl, Katharina Utermoehl, und Jade Elisabeth. 2026. „Too Hot to Grow: The Economic Costs of Extreme Heat.“ Study. Allianz Research. https://www.allianz-trade.de/content/dam/onemarketing/aztrade/allianz-trade_de/dokumente/2026-05-28-allianz-trade-studie-the-economic-costs-of-extreme-heat.pdf.

Quaschning, Volker. 2025. Erneuerbare Energien und Klimaschutz: Hintergründe – Techniken und Planung – Ökonomie und Ökologie – Energiewende. 7., aktualisierte Auflage. Hanser eLibrary. München: Hanser. http://doi.org/10.3139/9783446481084.

Sixtus, Frederick, Paul Riesenhuber, Constantin Wazinski, Catherina Hinz, Tillman Hönig, Hanno Kempermann, Bernd Hirschl, Tidian Baerens, und Steven Salecki. 2026. „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien.“ Gutachten. Berlin: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. https://www.berlin-institut.org/fileadmin/Redaktion/Publikationen/PDF/20260325_BI_IOEW_IWConsult_Regionale_Wertschoepfung_FA-08-24_Bericht-barrierefrei.pdf.

Wirtschaftswoche/dpa. 2025. „Friedrich Merz: Keine Klimapolitik gegen die Industrie.“ Wirtschaftswoche. November 15. https://www.wiwo.de/politik/deutschland/friedrich-merz-keine-klimapolitik-gegen-die-industrie/100174920.html.

ZDFheute/AFP, Reuters, epd. 2026. „Merz: ‚Klimaschutz darf industrielle Basis nicht gefährden.‘“ ZDFheute. April 22. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/klimaschutz-merz-wirtschaft-energie-industrie-100.html.

  1. Abgesehen vom Märchen über »Hocheffiziente Verbenner« (Franke 2025), obwohl diese einen Wirkungsgrad von 25% besitzen, während Elektroautos auf über 80% Wirkungsgrad kommen (Quaschning 2025: 117). ↩︎
  2. Wobei unklar ist, ob diese durch Korruption oder Dummheit zustande kommt. Further research is needed… ↩︎